Sprachförderung von Kindern und Jugendlichen mit Fluchtgeschichte

1. Wie erwerben Schülerinnen und Schüler mit Fluchtgeschichte die deutsche Sprache?
Die Schülerinnen und Schüler mit Fluchtgeschichte kommen mit der deutschen Sprache in der Regel zum ersten Mal in der Erstaufnahmeeinrichtung, sodann im Kindergarten bzw. in der Schule in Kontakt. Dies bedeutet, dass ihr Deutschspracherwerb im sozialen Umgang mit Muttersprachlern erfolgt und in einem Alter beginnt, indem die Grundzüge ihrer Erstsprache(n) bereits erworben sind.

In diesem Fall bildet die deutsche Sprache die Zweitsprache der Kinder. Dies bedeutet, dass der Erwerb der deutschen Sprache nach den Prinzipien eines Zweitspracherwerbs verläuft. Die Kinder, die die deutsche Sprache als Zweitsprache erwerben, werden in der Fachliteratur als  „DaZ-Kinder“ (Deutsch als Zweitsprache-Kinder) bezeichnet.
2. Kann ein Fluchthintergrund für den Erwerb der deutschen Sprache eine Rolle spielen?
Einige der Spracherwerbsbedingungen der DaZ-Kinder mit Fluchtgeschichte können durch traumatisierende Vorerfahrungen belastet sein. Diese können z. B. die Aufnahmebereitschaft, Konzentrationsfähigkeit etc. beeinflussen. Dies betrifft jedoch grundsätzlich die Lernvoraussetzungen und nicht nur den Deutsch-Spracherwerb.

Belastungsreaktionen von Kindern und Jugendlichen
3. Wie verläuft der Zweitspracherwerb - auch bei Kindern mit Fluchtgeschichte?
Der Zweitspracherwerb weist eine Reihe von Ähnlichkeiten mit dem Erstspracherwerb auf, wie z. B., dass beide Erwerbsprozesse sich in einer bestimmten Zeit und Reihenfolge und unter konkreten Prinzipien vollziehen. In der Regel gelten in beiden Fällen dieselben Meilensteine. Wie das einsprachige Kind erwirbt auch das DaZ-Kind zuerst die einfachsten Phoneme, Wörter, grammatischen Strukturen und Regeln des Deutschen und dann die komplizierteren. 
(Beispiel: Zuerst sagt das Kind komm und viel später Schokolade oder Marmelade).

Es zeigt sich, dass DaZ-Kinder
  • Elemente, Strukturen und Regeln, die in beiden Sprachen identisch sind, leicht und schnell erwerben (positiver Transfer). 
  • längere Zeit benötigen, um Elemente, Regeln und Strukturen erwerben, die in ihrer Erstsprache nicht in derselben Form vorhanden sind. Auf dem Weg zum Erwerb dieser Elemente übertragen die DaZ-Kinder zunächst muttersprachliche Strukturen auf äquivalente Strukturen der Zweitsprache (hier Deutsch). Die sprachlichen Erscheinungen werden in der Fachliteratur Interferenzen (negativer Transfer) genannt.  
Beispiele aus dem Deutscherwerb von Kindern mit Griechisch als Erstsprache:
Die Verneinung steht im Neugriechischen vor dem Verb bzw. Verbkomplex. So finden im Deutschen häufig folgende Interferenzen statt:  Papa nicht geht, nicht will schlafen

Phasen des Zweitspracherwerbs siehe Sprachförderung - Grundlagen