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Wie KI die Entstehung von Wissen verändert

Der Einsatz von KI-Chatbots in Lehr- und Lernprozessen führt sehr schnell zu einem Paradox:

KI-Tools können Lernende entlasten und zugleich ihr Lernen verhindern!


Stephan Holze

Die Einführung von Künstlicher Intelligenz (KI) im Bildungsbereich markiert einen tiefgreifenden Wandel. Wissen entsteht heute nicht mehr ausschließlich durch mühsame Recherche, kritisches Prüfen und eigenes Durchdenken. Stattdessen kann es vermeintlich in vielen Fällen auf Knopfdruck generiert werden. Damit verschiebt sich auch der geistige Aufwand: Der Fokus liegt weniger auf dem eigentlichen Denkprozess und stärker auf der Auswahl und Bewertung bereits erzeugter Ergebnisse. Diese Entwicklung verändert grundlegend, wie Lernprozesse verstanden und erlebt werden.
Traditionell gilt im Bildungssystem: Der Weg ist ein wesentlicher Teil des Lernens. Recherche, Strukturierung und Formulierung bilden gewissermaßen einen Lernparcours. 

Genau diese Schritte fördern Kompetenzen. KI kann diesen Prozess jedoch stark verkürzen. Man könnte sagen, sie wirkt wie ein Bulldozer, der Hindernisse aus dem Weg räumt und eine direkte Straße zum fertigen Ergebnis baut. Fachleute sprechen in diesem Zusammenhang von Skill-Skipping. Lernende erreichen zwar schneller ein Ergebnis, überspringen dabei aber wichtige Lernschritte. Die Gefahr besteht darin, dass langfristig Kompetenzen verloren gehen – ein Prozess, der häufig als, Deskilling beschrieben wird.

Hinzu kommt ein weiteres Problem: KI-Systeme erzeugen Texte, die überzeugend und sprachlich korrekt wirken, ohne dass ihnen ein echtes Verständnis zugrunde liegt. Man bezeichnet sie daher gelegentlich als stochastische Papageien – Systeme, die Wahrscheinlichkeiten berechnen und plausible Antworten formulieren, ohne selbst zu „denken“. Dadurch entsteht eine doppelte Täuschung.


Zum einen kann es zur Selbsttäuschung der Lernenden kommen. Wenn das Ergebnis hochwertig wirkt, entsteht leicht der Eindruck, man habe den Stoff verstanden. Tatsächlich wurden jedoch wichtige Zwischenschritte übersprungen, und vorhandene Wissenslücken bleiben unentdeckt.
Zum anderen besteht die Gefahr einer Fehleinschätzung durch Lehrkräfte. Wenn KI Schwächen ausgleicht, ohne sie sichtbar zu machen, wird es deutlich schwieriger, den tatsächlichen Lernstand zu beurteilen und Lernende gezielt zu fördern.


Ob KI im Unterricht eher zum Lernhindernis oder zu einem wertvollen Unterstützer wird, hängt stark von der Motivation der Lernenden ab. Wird eine Aufgabe lediglich als Pflicht empfunden, dient KI häufig vor allem der Zeitersparnis. Besteht jedoch echtes Interesse oder ein konkreter Leistungsdruck – etwa durch eine bevorstehende Prüfung –, kann KI auch zu einer Art unermüdlichem Tutor werden. Sie kann komplexe Inhalte verständlich erklären oder helfen, Wissenslücken gezielt zu schließen.
Diese Veränderungen stellen Schulen und Lehrkräfte vor neue Herausforderungen. Einige pädagogische Anpassungen erscheinen besonders wichtig:

Denkprozesse stärker berücksichtigen

Nicht nur das Endprodukt sollte bewertet werden, sondern auch der Weg dorthin. Wenn Lernende ihre Lösungswege erklären können – beispielsweise in einem Fachgespräch –, wird sichtbar, ob sie die Inhalte wirklich verstanden haben.

Analoge Lernphasen und klare Regeln

Phasen ohne digitale Hilfsmittel können wichtig sein, um konzentriertes und eigenständiges Denken zu fördern. Gleichzeitig brauchen Schülerinnen und Schüler klare Orientierung: In welchen Situationen ist KI als Werkzeug erlaubt – und wo ist die Eigenleistung entscheidend?

Die Rolle menschlichen Feedbacks stärken

KI gibt häufig wohlwollendes, glättendes Feedback. Kritische Rückmeldungen, die zur Weiterentwicklung anregen, kommen dagegen oft zu kurz. Genau hier bleibt die Rolle der Lehrkraft zentral: durch ehrliche Rückmeldung, durch Nachfragen und durch konstruktive Reibung. In diesem Zusammenhang wäre auch interessant, ob die Lernenden das wohlwollende Feedback einer KI überhaupt bemerken.
Am Ende bleibt der grundlegende Auftrag von Schule unverändert: Menschen dazu zu befähigen, selbstständig zu denken und verantwortungsvoll zu handeln. Gerade deshalb behalten Aspekte wie Beziehung, Orientierung und pädagogische Führung eine zentrale Bedeutung – Aufgaben, die letztlich nur Menschen erfüllen können.

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