Wertebildung

1. Warum sind Werte wichtig?
Werte bilden das Fundament für ein gelingendes Zusammenleben sowohl in kleinen Gruppen als auch in großen Gemeinschaften. Sie geben Orientierung und ermöglichen die Unterscheidung von Gut und Böse und verdeutlichen, was anstrebenswert oder besser zu unterlassen ist.
2. Werte, Normen, Tugenden: Wie unterscheiden sich diese Begriffe voneinander?
Werte sind wünschenswerte Grundhaltungen, die ein erstrebenswertes Ziel charakterisieren und den Menschen Orientierung verleihen, aber noch nicht zu aktuellen und konkreten Verhaltensweisen ausgeprägt sind.

Man unterscheidet moralische (Aufrichtigkeit/Wahrheit, Gerechtigkeit, Treue), religiöse (Gottesfurcht, Nächstenliebe), politische (Toleranz, Freiheit, Gleichheit, Gemeinwohl, Frieden, Würde, Schutz des Lebens, Verantwortung), ästhetische (Kunst, Schönheit) und materielle Werte (Wohlstand). Der Wertebegriff ist also umfassender und abstrakter als der Normbegriff. Dadurch ist es möglich, dass ein- und derselbe Grundwert durch eine große Anzahl aktueller Verhaltensnormen konkretisiert wird.

Der Begriff Norm wird sowohl in einem weiteren wie in einem engeren Sinne verwendet. Ob es sich um ein positives Gebot oder negativ um ein Verbot handelt, die Norm weist stets auf einen ihr zugrunde liegenden Wert hin und erhält von diesem ihre eigentliche Bedeutung. So konkretisiert sich z. B. der Wert „Gleichheit“ in folgenden Normen:
  • Bei Ehepartnern Gleiche Rechte für Mann und Frau
  • Bei Arbeitnehmern Gleicher Lohn, unabhängig von Geschlecht oder Nationalität
  • Bei Schülern Gleicher Bewertungsmaßstab, unabhängig von der Herkunft des Schülers
Andererseits gibt es auch normative Vorschriften, die sich aus einer ganzen Fülle von Werten begründen lassen. Die konkrete Norm „Ein Lehrer darf keinen Schüler bevorzugen“ beruht auf folgenden Werten: Gleichheit, Gerechtigkeit, Anerkennung, Solidarität.

Tugenden sind auf Werte bezogene Handlungsmuster, Gewohnheiten und Haltungen. Tugenden sind nur dann wahrhaft, wenn sie um ihrer selbst willen gelebt werden. Sie können in zwei Hauptgruppen unterschieden werden:
Die Kardinaltugenden, wie z. B. Gerechtigkeit, Klugheit, Tapferkeit, Maß, gelten unabhängig von der jeweiligen Gesellschaft, im Unterschied zu den Sekundärtugenden. Dazu gehören Charaktereigenschaften, die zum Gelingen der Gesellschaft beitragen, die aber den unmittelbaren Tugenden nachgeordnet werden, da sie für sich alleine ethisch keine Bedeutung haben, solange sie nicht als Umsetzung dieser Primärtugenden gemeint sind. Dazu zählen Fleiß, Disziplin, Pflichtbewusstsein, Pünktlichkeit, Sauberkeit, Zuverlässigkeit, Ordnungssinn, Höflichkeit, Treue, Gehorsam.
3. Was bedeutet Wertebildung?
Aus wissenschaftlicher Sicht gibt es keinen Beleg dafür, dass Werte sich wie Fachwissen vermitteln lassen. Auch das rein kognitive Wissen über Werte bedeutet nicht zwingend, dass beispielsweise bei den Schülerinnen und Schülern ein Prozess der Wertebildung angestoßen wird. Damit Werte tatsächlich gelebt werden, müssen sie vom Subjekt selbst gefunden und bejaht werden (Standop, 2005).

Der Begriff „Wertebildung“ signalisiert deshalb am besten, dass es sich dabei um einen ko-konstruktiven Prozess handelt, bei dem die Bereitschaft der Adressaten, sich darauf einzulassen und ihn aktiv zu gestalten, ein wesentlicher Erfolgsfaktor ist.
4. In welchen Lebensphasen findet Wertebildung statt?
Eine Internalisierung von Werten bzw. Wertsystemen in der Kindheit und Pubertät führt dazu, dass sich Individuen an Normen halten, diese schätzen und danach streben, die jeweils zugrunde liegenden Werte als „ihre“ Werte anzuerkennen.

Damit ist die Entwicklung von Werthaltungen jedoch nicht abgeschlossen: ein Wandel im individuellen Wertesystem und damit verbundene neue Werteprioritäten sind lebenslang möglich.
5. Welche Werte bringen die Schülerinnen und Schüler mit?
Die Schülerinnen und Schüler werden mit unterschiedlichen Werten in die Schule kommen, je nachdem, wie sie sozialisiert wurden. Unterschiedliche Kulturen und Milieus vertreten zum Teil auch unterschiedliche Werte. Es empfiehlt sich daher, immer wieder im Unterrichtsgespräch auch einen interkulturellen Dialog [1] stattfinden zu lassen, sodass die Schülerinnen und Schüler miteinander sprechen und ihre Ansichten in Bezug auf ausgewählte Wertvorstellungen vergleichen können. In diesem Dialog können die Heranwachsenden einander verstehen lernen und darüber hinaus Werte und deren Sinn reflektieren und ihre eigenen Überzeugungen anpassen oder verfestigen.

[1] Vgl. zum interkulturellen Dialog u. a. interkulturelle Bildung im LehrplanPLUS und z. B. Interkultureller Dialog, interkulturelles Lernen. Texte, Unterrichtsbeispiele und Projekte. Hrsg. vom Zentrum Polis: http://www.viel-falter.org/images/doku/polis_broschuere_interkul_dialog.pdf.
6. Welche sozialen Kontexte sind für die Wertebildung wichtig?
Die Werteorientierung von Kindern und Jugendlichen speist sich aus vielen Quellen. Alle sozialen Kontexte, in denen sich die Heranwachsenden bewegen tragen während der gesamten Sozialisation zur Werteorientierung bei, dieser Prozess wird durch die Massenmedien verstärkt.

In der frühen Kindheit spielt beispielsweise die Familie die größte Rolle und wird dann durch Vorbilder in Kindergarten, Schule, Peergroups etc. erweitert.
7. Wie beeinflusst Familie die Wertebildung?
Die Rolle der Familie als primärer Sozialisationsinstanz ist zentral. Elterliche Werte beeinflussen die Wertebildung des Kindes, erst später wird diese um neue Perspektiven ergänzt, wenn andere Bezugspersonen, z. B. Erzieher, Lehrkräfte und die Peer-Group Vorbildfunktionen übernehmen.

Weitere Einflussgrößen auf die kindliche Wertebildung sind darüber hinaus ein Wechsel des Erziehungsstils, etwa im Falle einer Trennung der Eltern sowie der sozioökonomische Status, beispielsweise ein gesellschaftlicher Auf- oder Abstieg und die Zugehörigkeit zu einer sozialen Randgruppe, z. B. einer ethnischen Minderheit.
8. Sind Lehrkräfte zur Wertebildung verpflichtet?
Ja, die bayerische Lehrerdienstordnung (LDO) §2 (2)[1] formuliert die Verantwortung der Lehrkräfte folgendermaßen:

Die Lehrkraft hat den in der Verfassung und im Bayerischen Gesetz über das Erziehungs- und Unterrichtswesen niedergelegten Bildungs- und Erziehungsauftrag zu beachten. Sie muss die verfassungsrechtlichen Grundwerte glaubhaft vermitteln. Äußere Symbole und Kleidungsstücke, die eine religiöse oder weltanschauliche Überzeugung ausdrücken, dürfen von Lehrkräften im Unterricht nicht getragen werden, sofern die Symbole oder Kleidungsstücke bei den Schülerinnen und Schülern oder den Erziehungsberechtigten auch als Ausdruck einer Haltung verstanden werden können, die mit den verfassungsrechtlichen Grundwerten und Bildungszielen der Verfassung einschließlich der christlich-abendländischen Bildungs- und Kulturwerte nicht vereinbar ist; (…)

Darüber hinaus ist die Vermittlung von Werten und Normen und die Unterstützung der Schülerinnen und Schüler zu einem selbstbestimmten Handeln nach den KMK-Standards für Lehrerbildung eine der elf zentralen Kompetenzen einer Lehrkraft.[2]


[1] https://www.verkuendung-bayern.de/kwmbl/jahrgang:2014/heftnummer:11/seite:112.

[2] Beschluss der Kultusministerkonferenz Standards für die Lehrerbildung vom 16.12.2004: http://www.kmk.org/fileadmin/Dateien/veroeffentlichungen_beschluesse/2004/2004_12_16-Standards-Lehrerbildung.pdf, S. 9.
9. Was kann Schule zum Prozess der Wertebildung beitragen?
Wertebildung in der Schule kann prinzipiell auf verschiedenen Ebenen erfolgen:[1]
  • Deskriptive Ebene: Im Unterricht versuchen Lehrerinnen und Lehrer die moralischen Normen und Wertesysteme, die in unserer Gesellschaft gelten, urteilsfrei zu beschreiben.
  • Normative Ebene: Gleichzeitig sind die Lehrkräfte gezwungen, diese deskriptive Ebene zu verlassen, da sie auf der normativen Ebene begründete Aussagen darüber machen müssen, wie man moralisch richtig handeln soll. Zum Beispiel: Jeder Mensch ist als Zweck an sich selbst zu behandeln und darf niemals Mittel zum Zweck werden.
  • Anwendungsbezogene Ebene: Die deskriptive und normative Ebene finden in der Schule ihre praktische Umsetzung auf einer anwendungsbezogenen Ebene, wenn nämlich gültige Normen und Werte (also moralische Grundsätze) gelebt werden. Zu denken ist hier zum einen an die Vorbildfunktion des Lehrers, an eine wertschätzende Schulkultur aber auch an die in der Schule geltenden Normen, die bei Verstoß sanktioniert werden können.[2]

[1] Vgl. Frido Ricken: Allgemeine Ethik. 3. Auflage. Stuttgart, Berlin und Köln, 1998, S. 13f.
[2] Vgl. ebenda, S. 14.
10. Auf welchen Wertekodex bezieht sich die schulische Praxis?
Die Gegenstände der Werte- und Moralerziehung leiten sich aus den Erziehungs- und Bildungszielen der Schule ab. Für Bayern gelten verbindlich für alle Schulen die obersten Erziehungs- und Bildungsziele, Artikel 131 BayVerf. Diese Ziele spiegeln die freiheitlich demokratischen Grundwerte des Grundgesetzes der Bundesrepublik Deutschland wider.

In Betracht kommen als zu vermittelnde Werte hiernach insbesondere die Würde des Menschen sowie die Freiheit, Gleichheit, Solidarität, der innere und äußere Friede, die Gerechtigkeit und schließlich auch die Demokratie. Diese Werte sind nicht privater, sondern öffentlicher Natur, denn sie sichern das Zusammenleben der Menschen und sind nicht verhandelbar. Die Aneignung dieser Werte ist daher auch ein hoher Stellenwert im Bildungsprozess einzuräumen. [1]

Des Weiteren nimmt die schulische Werteerziehung meist auf die von Werten abgeleiteten Tugenden (z. B. Gerechtigkeit in Bezug auf Notengebung oder faire Behandlung oder Gewaltfreiheit im schulischen Raum) und die Einübung überprüfbarer Sekundärtugenden (z. B. Beispiel Ordnung, Ausdauer, Pünktlichkeit, Zuverlässigkeit) Bezug.[2] Diese sogenannten Sekundärtugenden tragen wesentlich zum Gelingen unserer Gesellschaft bei, insbesondere auch der Arbeitswelt.

[1] Vgl. Joachim Detjen: Politische Bildung. München 2013, S. 245f.
[2] Vgl. Armin Hackl: Konzepte schulischer Werterziehung, S. 2:
11. Welche Rolle spielt das Schulprofil bei der Wertebildung?
Die Ausgestaltung des Schullebens gehört zu den unverzichtbaren Aufgaben von Schulen. Die Schule als Lebens- und Erfahrungsraum mit ihrer Schulkultur (Feste und Feiern, Exkursionen, Projekte und Arbeitsgemeinschaften) hat ebenfalls einen sehr großen Einfluss auf die ethische Erziehung.

Konkret bedeutet das:

In allen Schulfächern sollten die Inhalte auf wertrelevante Aspekte hin befragt und diese dann angesprochen werden. Über die Unterrichtsmethoden (vom selbsttätigen Lernen über die Gruppenarbeit bis zum Projektlernen) sollten dabei Möglichkeiten zu prosozialen Verhaltensweisen und zur Reflexion über die eigenen Werteinstellungen gegeben werden.

Die Lehrkräfte sollten darauf achten, eine Lehr-Lern-Kultur zu praktizieren, die den ‚offiziellen‘ Werteorientierungen entspricht und dem Bedürfnis der Schüler nach Zugehörigkeit Beachtung schenkt.

Das Schulleben sollte außerdem bewusst als Praxisfeld für wertorientiertes Handeln und zum Aufbau von Empathie genutzt und erfahren werden.

Jede Schülerin und jeder Schüler sollte Könnenserfahrungen erleben, die ihr/sein Gefühl für Selbstwirksamkeit und Leistungsfähigkeit entfalten helfen.

In Schule und Unterricht sollen verhaltenssichernde Regeln und Ordnungen entwickelt und unbedingt eingehalten werden, die – jenseits aller ‚Ethiken‘ christlicher, buddhistischer, islamischer, liberalistischer oder materialistischer Provenienz – im Sinne einer Minimalethik prinzipielle Bedeutung beanspruchen können und allgemein verbindlich sind. Werteerziehung sollte demnach nicht auf wenige Fächer begrenzt sein, sondern dieses Thema geht die ganze Schule und alle Fächer an.
12. Gibt es Empfehlungen für eine wertebewusste Schulkultur?
Die nachfolgenden acht Werte sind wesentliche Voraussetzung für ein gelingendes Zusammenleben in der Gemeinschaft und trotz ihrer begrenzten Zahl erfassen sie doch annähernd alle Bereiche des Alltags. [1]

  1. Beziehungspflege: andere Menschen achten und wertschätzen
  2. Umgangsformen: anderen Menschen in einer guten Art und Weise begegnen
  3. Kommunikation und Konfliktlösung: mit Menschen im Gespräch sein
  4. Toleranz und Akzeptanz: offen sein für Menschen, die anders sind
  5. Verantwortung für andere übernehmen: Menschen in schwierigen Lebenssituationen sehen lernen und ihnen helfen
  6. Zuverlässigkeit: Ordentlichkeit, Pünktlichkeit und Ehrlichkeit einüben
  7. Selbstorganisation: lernen, sein alltägliches Leben sinnvoll zu planen
  8. Eigenverantwortung: für sein eigenes Leben Ziele entwickeln und verfolgen lernen

[1] ISB (Hg.): Werte bilden. Impulse zur wertebasierten Schulentwicklung. Augsburg 2013, S. 80f.
13. Wie können Lehrkräfte Werte vermitteln?
Ohne Bezug auf eine Wertebasis ist pädagogisches Handeln nicht möglich. Wir berufen uns meist auf eine demokratisch und humanistisch geprägte Wertebasis. Durch gemeinsame Vereinbarungen von wünschenswertem Verhalten wird in der Schule und Klassengemeinschaft Verhaltenssicherheit geschaffen.

Der Lehrkraft muss allerdings bewusst sein, dass äußeres Verhalten allenfalls kurzfristig – häufig durch Zwang – erreicht werden kann. Es kommt aber auf die innere Überzeugung der Heranwachsenden an. Solche Überzeugungen über die Gleichwertigkeit von Menschen, Toleranz gegenüber anderen, die Anerkennung von Unterschieden usw. müssen in der Akzeptanz der Heranwachsenden sich nach und nach verfestigen und für die Kinder und Jugendlichen erfahrbar gemacht werden.[1] Für Lehrerinnen und Lehrer bedeutet dies insbesondere, dass sie sich ihrer Vorbildfunktion bewusst sein sollten. Denn durch das Vorbild einer Lehrperson, deren Anspruch es ist, die gesellschaftlichen Werte reflektiert zu verkörpern, können abstrakte Werte vorgelebt werden und dem Heranwachsenden als hilfreiche Orientierung dienen.[2]

[1] Vgl. Günther Gugel: Handbuch Gewaltprävention II. Tübingen 2010, S. 369.
[2] Vgl. Silke Pfeiffer: Anforderung an die Lehrkraft. In: Klaus Zierer (Hg.): Schulische Werterziehung. Baltmannsweiler 2010.
14. Hat der Lehrer Vorbildfunktion?
Vorbildwirkungen können – wenngleich nicht immer offensichtlich – davon ausgehen, wie Lehrerinnen und Lehrer mit Schülerinnen und Schülern kommunizieren und sich Konflikten stellen, sich fachlich und didaktisch präsentieren, selbst mit dem geistigen Gehalt ihrer Stoffe umgehen, zwischen persönlicher Meinung und sachlicher Information unterscheiden, mit Stärken und Schwächen von Schülern hantieren, sich kommunikativ und ästhetisch präsentieren. Hier geht es ebenfalls nicht um eine besondere oder gar neue Aufgabe, sondern um etwas, was ohnehin zum professionellen Selbstbild von Lehrern gehört und vielleicht nur wieder stärker ins Bewusstsein treten sollte. Schon im Rahmen der Familie und auch in der Schule hat Wertbildung in einem hohen Maße mit der Qualität erlebter personaler Beziehungen zu tun. Wer etwas lernen und können will, orientiert sich an solchen Personen, die das, was man selbst anstrebt, bereits erreicht zu haben scheinen. Dazu gehören für alles, was sich in der Schule ereignen kann, im guten wie im schlechten Sinne auch die Lehrer. Diese werden, ob sie wollen oder nicht, von den Schülern immer auch als Personen wahrgenommen, nicht nur als so genannte Arrangeure und Moderatoren von Lernprozessen. Es widerspricht der grundsätzlich gebotenen weltanschaulichen Neutralität der Schule auch nicht, dass der Lehrer als Person seine eigene Position in moralischen Fragen in argumentativer Form, also nicht bloß als Bekenntnis, offenbart – zumal dann, wenn er von Schülern ausdrücklich danach gefragt wird. Das setzt natürlich voraus, dass die Lehrer selbst ein reflexives Verhältnis zu den Werten finden, die in ihren Unterrichtsstoffen enthalten sind.

Die Erwartungen an das Vorbild der Lehrerinnen und Lehrer dürfen jedoch nicht überzogen werden, sie sind vielmehr an seine professionellen Aufgaben zu binden.
15. Wie lässt sich ethisches Verhalten durch Lehrkräfte anregen?
  1. Setzen Sie ethische Erziehungsziele.
  2. Seien Sie ein moralisches Vorbild.
  3. Stellen Sie realistische und altersangemessene Erwartungen.
  4. Zeigen Sie Ihren Schülerinnen und Schülern, dass Ihre Zuneigung nicht an Bedingungen geknüpft ist.
  5. Stärken Sie das Selbstwertgefühl Ihrer Schülerinnen und Schüler.
  6. Befähigen Sie Ihre Schülerinnen und Schüler dazu, Verantwortung für die Folge ihres Verhaltens zu übernehmen.
  7. Nutzen Sie Situationen, in denen die Schülerinnen und Schüler etwas über ethisches Verhalten lernen können.
  8. Seien Sie auch in Ihrem Verhalten Kolleginnen und Kollegen gegenüber Vorbild für Ihre Schülerinnen und Schüler.
  9. Machen Sie ethisch geleitetes Verhalten zu einer Angelegenheit der ganzen Schule.
  10. Vermitteln Sie den Heranwachsenden, dass das Leben einen Sinn hat und sich immer Lösungen finden lassen.
16. Gibt es Grenzen der Werteerziehung?
Bei der Wertevermittlung ergeben sich eine Reihe von Schwierigkeiten, derer sich die Lehrkraft bewusst sein sollte [1]:
  • es fehlt ein grundlegendes Verständnis, wie genau Werte zu definieren sind [2];
  • widerstreitende Werte sind in einer pluralistischen Gesellschaft normal;
  • Werte können in spezifischen Situationen miteinander konkurrieren;
  • aus den gleichen Grundwerten (z. B. Schutz des Lebens) lassen sich verschiedene – ethisch legitimierte ­ Handlungen ableiten;
  • oft zeigen sich anzustrebende Werte in der Öffentlichkeit zu wenig, d. h. sie werden nicht gelebt und explizit genannt;
  • moralisches Verhalten scheint sich nicht immer auszuzahlen;
  • ein allgemein akzeptiertes und verbindliches Modell zur Wertevermittlung liegt nicht vor;
  • man kann nicht zu Werten direkt erziehen, sondern nur zu einer Auseinandersetzung mit ihnen befähigen;
  • die Einflüsse der (neuen) Medien auf Werte und Normen nehmen zu, werteorientierte Medienpädagogik befindet sich noch in den Anfängen;
  • erzieherische Bemühungen der Wertevermittlung stoßen oft an die Grenzen des Umfeldes, wenn dieses die Bemühungen nicht unterstützt.
Für die Wertebildung bei Migranten gilt insbesondere, dass das bloße Wissen über andere religiöse oder kulturelle Wertvorstellungen nicht automatisch dazu führt, die eigenen Wertebindungen zu relativieren. Weil Werte eine kognitive und eine affektive Dimension haben, sind Versuche der Wertebildung für Migrantinnen und Migranten allein über Kenntnisse des „deutschen Lebens“ und des „deutschen Alltags“ oder „deutscher Werte“ nur selten erfolgreich. Eine innere Wertebindung ist nur erreichbar, wenn die Adressaten die positiven Wirkungen kulturell anderer Wertvorstellungen auch selbst als positiv erleben.

[1] Vgl. zu der Auflistung: Günter Gugel unter Mitarbeit von Nadine Ritzi: Didaktisches Handbuch 1 Werte leben. Hrsg. vom Institut für Friedenspädagogik Tübingen e. V., Tübingen 2011, S. 24: http://friedenspaedagogik.de/blog/wp-content/uploads/2011/09/handbuch_werte_1_final_1_7_2011.pdf
[2] Vgl. dazu auch Frido Ricken, S. 65f.